Page 18 - stadtland magazin Juni 2020
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K O L UMNE  | S T AD TLAND MA G A ZIN

                                              in eine Welt von Erinnerungen. Fast als möchte   ler, die zu wertvollen Nebensächlichkeiten ge-
                                              mir das Schicksal einen Wink für meinen nächs-  worden und somit ein wichtiger Bestandteil in
                                              
	
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  meinem Leben sind. Ebenso wie etwas Make-up
                                              fast vergessen – einen handgeschriebenen Zettel   und Lippenstift für die Mogelpackung, ein Buch,
                                              einer Kolumne, die ich vor Jahren geschrieben   	
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                                              mal zum Besten zu geben.           chen von lustig, sarkastisch sexistisch, manche
                                              An einem Frühjahrsmorgen vor vielen Jahren   traurig und berührend. Sie begleiten mich schon
                                              höre ich schon von weitem, wie der Müllwagen   ein halbes Leben. Einige selber gekauft und
                                              um die Ecke biegt… ich schnell den gelben Sack   (	
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                                              geschnappt und ab damit vor die Haustür. Ge-  sondere Menschen und besondere Situationen.
          GEDANKEN VON CONNY HALLMANN         &
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  Dann aber, zu guter Letzt, konnte ich mich dann
                                              im kalten Frühjahrswind, den Kopf voller bunter   &
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          Déjà-vu im                          Klettlockenwickler in einem rosafarbenen Neg-  Geschenk bekommen von Menschen, die mich
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  erkannt haben und den Spruch mit Bedacht für
          Negligé und                         ist schon früh außer Haus, dafür aber scheint   mich ausgesucht haben.
                                              heute die halbe Nachbarschaft um kurz vor sie-  Diese Bilder und Worte haben mir in mancher
          Lockenwicklern                      =	
 
 
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 	(-  Lebenskrise geholfen. Haben  Tränen getrock-
                                              big erstaunte Blicke treffen mich. Zitternd vor   net, Trost gespendet oder ein Lächeln gezaubert.
                                              Kälte versuche ich, Ihnen so lässig wie möglich   Mein Blick fällt auf das fertiggestellte Schälchen
                                              zuzuwinken, als gäbe es nichts Selbstverständ-  mit den Medikamenten. Diese zählen zu den un-
          Während der Corona-Krise gibt es vie-  licheres, als in diesem luftigen Aufzug vor der   verzichtbaren wichtigen Dingen in meinem Le-
          le Dinge, die Menschen ganz individu-  _
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  ben, ohne die mein Tag kein Tag wäre. So gewin-
          ell für sich entdecken. Einige räumen   Terrassentür ist unverschlossen. Bin ich froh,   nen wertvolle Nebensächlichkeiten noch mehr
          unermüdlich die Kleiderschränke auf   samt Lockenpracht und Nostalgiefähnchen wie-  an Bedeutung.
          und initiieren dabei ihre privaten Mo-  der im Warmen zu sein. Irgendwie fällt mir fast   Welche kleinen Dinge des Lebens sind für Sie
          denschauen ... passt oder kann weg.   zusammenhangslos diese Frage ein:  unverzichtbar? Ich wünsche Ihnen auch eine
          Außerdem hat die Krise einen wahren                 »                  Trostschachtel, die man bei Bedarf öffnet, und
          Putzwahn ausgelöst. Na – das Putzen        Welche drei Dinge           deren Inhalt einem für den Moment ein wenig
          muss bei mir keine sterilen Verhältnis-  würdest du mit auf eine       Lebensleichtigkeit schenkt. Ich lege nun meine
          se annehmen und ich finde, dass mein    einsame Insel nehmen?          Herzrasen-Karte hinein und versuche wieder in
          Haushalt mittlerweile das passende                  «                  der Realität Fuß zu fassen.
          Alter hat, es selber zu erledigen.   Mit drei Dingen käme ich wohl nicht klar. Aber   Herzlichst
                                              es gibt Dinge wie die besagten Lockenwick-    Conny Hallmann
          Für mich selbst stelle ich fest, dass ich immer
          wieder auf Dinge stoße, die in mir Erinnerungen
          wecken und mich zum Träumen verleiten. Ges-
          tern bekam ich eine außergewöhnliche Postkarte
          mit dem Spruch
                          »
                Herzrasen kann man
                    nicht mähen
                          «
          mit einer Prise Sarkasmus auf der Rückseite
          als Ansage:
                          »
                  In deinem Alter
             greift man dann lieber zu
                   Betablockern
                          «
          Über Nacht erinnere ich mich an den Karton mit
          all meinen wertvollen Nebensächlichkeiten. Da
          hinein muss nun unbedingt diese Karte. Noch
          im Nachthemd und mit Lockenwicklern sitze ich
          nun schon seit den frühen Morgenstunden mitten
          auf dem Wohnzimmerteppich, versunken in den
          Sprüchen mir so wertvoller Karten, eingetaucht

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